Donnerstag, 7. Oktober 2010

Hamburger Schauspielhaus: The Battle rages on...

Heuete erhielt ich per E-Mail eine neue Aussendung zur aktuellen Situation rund um die geplanten Subventionskürzungen für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg. Da ich diese Institution in den letzten 1 3/4 Jahren wirklich lieb gewonnen habe, gebe ich - auch wenns vielleicht nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein ist - die Infos gleich (ungekürzt) auf meinem Blog weiter.

Hier die Aussendung von heute:

Was kann ich tun?

Liebe Leserinnen und Leser,

die Kürzungsbeschlüsse des Hamburger Senats und die damit verbundenen Existenz gefährdenden Einschnitte in die Struktur des Deutschen Schauspielhauses und der gesamten Kulturlandschaft der Hansestadt bestimmen inzwischen bundesweit die Feuilletons. Aus Hamburg und dem gesamten deutschsprachigen Raum erreicht uns eine Welle der Solidarität.

Viele Zuschauerinnen und Zuschauer bieten ihre Hilfe an. Aufgrund vielfacher Nachfrage haben wir für Sie verschiedene Möglichkeiten aufgelistet, was Sie tun können, um das Schauspielhaus zu unterstützen.


Was kann ich tun?

1. WIR SIND DAS SCHAUSPIELHAUS – SIE AUCH!
Ein volles und lebendiges Haus ist das stärkste Argument gegen die Einsparungen der Kulturbehörde. Also kommen Sie zu uns und besuchen Sie unsere Vorstellungen. Was wir in den nächsten Wochen spielen, sehen Sie unten.

2. Zeigen Sie Ihre Solidarität öffentlich und tragen Sie unsere Buttons: »Ich bin das Schauspielhaus«. Sie erhalten diese an der Kasse und beim Vorderhauspersonal.

3. An der Kasse und auch über das Kartentelefon können Sie Postkarten für 1 Euro mit verschiedenen Motiven vom Schauspielhaus kaufen. Der vorgedruckte Text enthält die Aufforderung an den Kultursenator, den Kürzungsbeschluss zurückzunehmen, und begründet diese. Wenn Sie möchten, können Sie auch noch eigene Argumente dazuschreiben.

Oder schreiben Sie Herrn Stuth und Herrn Ahlhaus einen persönlichen Brief:

Herrn Senator Reinhard Stuth
Behörde für Kultur und Medien
Hohe Bleichen 22
20354 Hamburg

Herrn Christoph Ahlhaus
Erster Bürgermeister der
Freien und Hansestadt Hamburg
Rathausmarkt 1
20095 Hamburg

4. Wenden Sie sich an die Abgeordneten Ihres Wahlkreises in der Hamburger Bürgerschaft. Denn diese entscheiden in den kommenden Monaten über die Sparbeschlüsse. Äußern Sie Ihren Unmut über die Kürzungsbeschlüsse und fordern Sie Ihren Abgeordneten auf, gegen die Kürzungen zu stimmen.
Hier können Sie die Liste mit den Kontaktdaten der Abgeordneten nach Wahlkreisen sortiert als PDF-Datei herunterladen.

5. Diskutieren Sie mit!
auf unserer Homepage sowie auf Facebook

6. Beteiligen Sie sich an unseren Aktionen! Auf der Homepage und auf Facebook finden Sie alle aktuellen Informationen.


Das Thema wird hier selbstverständlich weiter beobachtet!

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Mittwoch, 6. Oktober 2010

Meine Kulturwoche via Facebook: Film, Theater, Kunst in Hamburg & Wien

Meine Kultureindrücke der letzten Zeit in Hamburg und Wien. Manches lässt sich auch kurz und bündig via Facebook sagen.

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06.10. (Hamburg)
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Donnerstag, 30. September 2010

Mobile Tagging - Die Konvergenz zwischen Print und Online/Mobile?

Beim scoopcamp ist des öfteren mal - in leicht despektierlicher Weise - der Begriff "Papiertiger" gefallen. Gemeint waren Old-School-Tycoos, die (in der Mehrzahl der Verlage) immer noch das Ruder fest in der Hand halten und im Web 2.0 oder bei iPhone- oder iPad-Apps unerschütterlich 1.0 denken. Das wird hier natürlich keine Verteidigungsrede für die großen und kleinen Döpfners dieser Welt. Im Umkehrschluss wäre es aus Sicht der Zweinuller und iPaddler freilich töricht, anzunehmen, dass gedruckte Zeitungen passé sind. (Von MARKUS LEITER)

Das sind sie nicht und werden es vermutlich auch nie sein - E-Book-Reader, iPad hin oder her. Was aber nicht wegdiskutiert werden kann, ist die Tatsache, dass sich die Funktionen von Print (Hintergründe etc.), Online & Mobile (Aktualität etc.) in den vergangenen Jahren ausdifferenziert haben. In diesem Sinne gibt es ein Problem der Konvergenz. Medienangeboten, die mehrspurig fahren, fehlen oft direkte Verbindungen. Darum hier - auch aus aktuellem Anlass - ein Plädoyer für QR-Tags.

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Beyond Journalism im QR-Code-Design

Das soeben releaste goo.gl, das auch mit einer ganz einfach handhabbaren Mobile-Tagging-Funktion ausgestattet ist wird den lizenzfrei erstellbaren zweidimensionalen Strichcodes, die sich von moderneren Fotohandys mit einer kleinen Programmergänzung problemlos einlesen lassen, zweifellos einen Schub verleihen. Das heißt sie werden noch viel stärker als bisher im Bewusstsein der Konsumenten verankert sein und ergo einen höheren Nutzwert haben. Zwar setzen einige Zeitungen seit längerem auf QR - als erster im deutschen Sprachraum tat dies übrigens Welt Kompakt im Jahr 2007 -, doch ein wirklich umfassendes Geschäftsmodell dazu haben noch nicht viele erdacht.

Mobile Applikationen, die den Usern einen Mehrwert gegnüber dem Print-Produkt oder eine Vertiefung in thematische Nischen bieten, bieten sich hier insbesondere an. Die Tags, die der für artistische Meisterwerke und der andere für abscheuliches Digitalgekritzel hält, müssen ja nicht unbedingt immer direkt neben dem Artikel platziert werden, wo sie Platz für redaktionelle Inhalte oder auch Werbefläche wegnehmen. Man könnte die einzelnen Tags ja z.B. auch auf einer eigenen QR-Page darstellen. Freilich sind diesbezüglich viele Varianten denkbar.

Jedenfalls wird die Mobile-Tagging-Funktion, die abseits der Printerzeugnise auch in Social Media, Google-Maps, Youtube-Videos eingebaut werden kann, bald auch zum Standardinventar der Einsnuller gehören. Wetten?

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Mittwoch, 29. September 2010

Reflections on Scoopcamp 1 - Keynotes & scoopshops re-tweetet/-blogged

Im Folgenden eine Zusammenstellung zentraler Aussagen beim scoopcamp 10 (natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Bei der Kompilation bediene ich mich neben meiner eigenen Mitschrift auch (oder, sagen wir, vor allem :-) ) bei Twitter-Einträgen mit dem Konferenz-Hashtag #sc10.

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* ARON PILHOFER (New York Times): "Beautiful data – state of the art approaches to journalistic research and interactive storytelling":
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- Understanding the data before publishing it
- Interesting: Editorial accuracy vs. accuracy of (automated) data. It's the editor's responsibility. Dabei Kritik an Adrian Holovaty, der beim scoopcamp vergangenes Jahr Keynote-Speaker war und diese Verantwortung von sich weist
- Need to integrate data into narration from the very beginning
- Man sollte sich zuerst fragen: was soll's? Und sich darauf beschränken. Alles andere ist "Data-Porn"
- Best Practice Beispiel der NYT: Vertonung von Sekundenabständen beim Alpin-Skirennen.
- Only publish figures that tell the story (no more complex tables, lists), envision them, make them interactive
- Was müssen Visualisierungen online tun? "Tell me a story!"
- Only publish the numbers that tell the story. Leave everything else out
- How can data deepen narrative? Date is the beginning of narrative not the end


* OLIVER REICHENSTEIN (Information Architects): Duplo statt Lego: iPad-Design in Theorie und Praxis

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- Das wichtigste Tool ist die Hand
- iPad design is no newspaper, no book, no desktop, no mobile, nor magazine design.
- iPad vgl. mit Print ist eher DIN A6, da macht man keine Spalten, die sind ein Relikt des Bleisatzes
- Too much design-"kitsch" on the i- Pad
- Media apps need to be fast. Speed is essential. Reichenstein
- Webdesign ist Lego. iPad-Design ist Duplo
- Es ist sehr viel skeuomorphes Design für iPad zu finden
- Ist der Kern der Anwendung mit der iPad-App definiert, kann die Desktop-App kommen.

* OTHER COMMENTS:

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Im Workshop von Richard Gutjahr (Bayrischer Rundfunk)

- Richard Gutjahr: Journalisten können Geschichten nicht mehr 1:1 runter erzählen.
- Transparenz ist die neue Objektivität
- PhilippOstrop: Zeit online: Social Media macht uns jeden Tag besser. #feedback #korrektur #sc10
- Der wesentliche Gewinn bei Social Media fuer Redaktionen+Medien liegt in der Qualitaetssteigerung und direkten Marktforschung
- Richard Gutjahr: "Wie man Geld mit Social Media verdient? Wenn man Social Media nicht macht, verdient man bald gar kein Geld mehr!" (Richard @Gutjahr)
- ca. 2-5% des Traffics auf Medien-Sites via Social Media (Zeit Online), genauer messbar, wenn man eigenen URL-Shortener aufbaut
- Ulrike Langer: Zukunftsaufgabe für Journalisten: den Bürgern Plattformen zur Verfügung stellen. (Ulrike Langer)
- Die heutige Medienvielfalt braucht 3 Filter in Kombination: Journalisten, Freunde, Such- und Sortier-Algorithmen
- Chefredakteure müssen Social Media vorleben. Sonst zieht Redaktion nicht nach.
- Richard Gutjahr: TV-Nachrichten-Berichte beginnen seit Ewigkeiten immer gleich: Wetter, Architektur, schwarze Limousinen

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Dienstag, 28. September 2010

Ein Tag in Hamburg: Bin ich das Schauspielhaus?

Ein Chronologie der Ereignisse (Von MARKUS LEITER)

08.00 Uhr: Vorbereitung einer Projektpräsentation

11.00 Uhr: Deutsches Schauspielhaus: Karten abholen für "Weibsteufel"-Aufführung (Produktion des Wiener Burgtheaters) am Abend. Auf der Vorderfront des Hauses ist ein großes Transparent angebracht:

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Kurzes Gespräch mit einer Angestellten vom Kartenbüro: Thema, die aktuelle Lage rund um die geplanten Förderungskürzungen in Höhe von 1,2 Mio EUR (0 50% des künstlerischen Etats). Stimmung ist trotz "Kampfbereitschaft" merklich gedrückt, sie sagt, der Betrieb sei in Gefahr, ein wenig Hoffnung bringe neue Gesprächrunde mit dem Kultursenator

11.30 Uhr: Saturn am Hauptbahnhof; Smartphones in die Hand nehmen und testen nach Lektüre unzähliger Testberichte im Internet, um dann bei Amazon zu bestellen ;-) Nicht wirklich befriedigend, Athmosphäre in Elektro-Großkaufhäusern hat etwas Deprimierendes. Ein Samsung-Vertreter vor Ort erweist sich als mäßig kompetent.

12.30: Szenenwechsel Schanzenviertel: Parmesan-Croq in stilvoller Creperie in der Nähe der Susannenstraße

13.00 Uhr: Lange geplantes Treffen mit Christian Riedel, der mir ein interessantes Transmedia-Storytelling-Projekt im Filmbereich, an dem er gerade arbeitet, vorstellt. Klingt sehr gut, auf erste sichtbare Ergebnisse bin ich schon gespannt. Dann wird natürlich auch hier darüber berichtet.

15.00 Szenenwechsel Altona: Mediamarkt und Medimax Smartphones, die zweite und dritte: Spass macht das nicht (siehe Saturn zuvor) Entscheidung vertagt

16.00 Karolinen- und Gängeviertel: unspektakulär, ein wenig Schlendern, Auslagen Schauen, Fotografieren, Athmo aufsaugen. Unspektakulär, weil nicht wirklich was los ist

18.00 Uhr: Wieder zu Hause, Einkaufen, Kongressunterlagen sichten, Abendessen und in Schale werfen

20:00 Uhr: Weibsteufel im Schauspielhaus mit Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek, Werner Wölbern; Regie Martin Kušej. Tolle Aufführung, riesige schauspielerische (und wegen der Baumstämme, auf denen das alles spielt auch: akrobatische) Leistungen.
Tosender Applaus, im Anschluss nehmen Kušej und Ensemble-Vertreter des Schauspielhauses mit bewegter Stimme und "Kampfesrhetorik" Stellung zu den Protestmaßnahmen. Wir kaufen unterschriftsreife Protestpostkarten und schicken sie sogleich an den Kultursenator. Das Burgtheater hat einen eigenen Stand im Foyer aufgebaut, wo auch Monatsprogramme aufliegen. Irgendwie mutet das wie ein ironischer Wink des Schicksals an: Müssen Hamburger, wenn sie in Zukunft gutes Theater sehen wollen, erst nach Wien fahren?
Wir verlassen schließlich mit einem etwas eigenartigen Ansteckbutton das umkämpfte Haus.

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2.15: Abschluss-Drink in einer nahen Bar

23.15: Zu Hause am Bloggen....

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Montag, 27. September 2010

Learning from the artist...

Bei der diesjährigen stARTconference in Duisburg bekam u.a. auch ich einen Teil des bei der Veranstaltung entstandenen "Pixel Paintings" des Künstlers Christof Breidenich geschenkt. Needless to say, dass ich mich darüber sehr, sehr gefreut habe und mich noch immer freue! (Von MARKUS LEITER)

Da, wie auch hier zu sehen ist, die originale Position "meines" Teils im Rahmen des nunmehr in alle Welt verstreuten Gesamtkunstwerks nicht mehr zu eruieren ist, bekommt das geliebte abstraktes Quadrat allmählich endgültig den Status eines eigenständigen Werks. Nun liegt es an mir, ihm seine endgültige Standposition zu geben. Dadurch greife ich in den Kunstprozess ein. Auf diese Weise funktioniert Kunst hier also als interaktives seelenerquickliches Werk.
Was haben wir Medien- und Kulturmanager daraus zu lernen??

Ich gebe die Frage nach der besten Aufstellseite hiermit an die UserInnen dieses Blogs hier weiter. (Aber: Interaktivität hin oder her, das Bild bleibt am Ende trotzdem bei mir :-) )

Hier die Möglichkeiten:

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Samstag, 25. September 2010

Datensätze und Daten-SÄTZE: Das Zusammenspiel von Facts&Figures und BLOBS

Datenjournalismus - die neue Hype-Sau, die durchs digitale Mediendorf getrieben wird. Derzeit in aller Munde, ob sich dahinter ein bahnbrechendes Zukunftsmodell des Journalismus verbirgt, wird man sehen. Im vergangenen Jahr präsentierte Adrian Holovaty, der das hyperlokale US-Portal everyblock.com gegründet, aufgebaut und schließlich gewinnbringend veräußert hat, beim Hamburger scoopcamp Datenjournalismus als "long tail of news", der relevante Informationen auch in kleinere (Neighbourhood-)Zusammenhänge einspielen kann, die im klassischen (über)regionalen Textjournalismus (für Holovaty ein überholtes "BLOB"-Modell) sonst außen vor bleiben. Hypes haben es allerdings sich an sich, dass sie ubiquitär und undifferenziert wirken und darob so mancher Zurechtrückung bedürfen. (Von MARKUS LEITER)

Das merkte man auch an manchen (natürlich nicht allen) Kommentaren und Blogs im Anschluss an das letztjährige scoopcamp. Genau so wird die Zukunft sein, alles wird so werden, sodass man - überspitzt formuliert - bisweilen den Eindruck erhalten konnte, mit Datenjournalismus sei ein Erlösungsmodell für die Menschheit gefunden, und Excel werde überall das neue Redaktionssystem. So ist es natürlich nicht gekommen und auch die größten "Euphorianer" merken - gottlob - nach kurzer Zeit, dass doch nicht immer alles glänzt, auch wenn es Gold ist. Im konkreten Fall heißt: Was bei Holovatys hyperlokalem Modell wunderbar funktioniert, muss sich nicht zwangsläufig für jedes Thema und jeden Zusammenhang eignen. (Mit Daten und Statistiken lässt sich schließlich auch ganz leicht Missbrauch treiben, denken wir nur an Rechtspopulisten, die genau diese Schiene fahren.) Überdies ist zu berücksichtigen, dass inerhalb eines einzelnen Themas mit mehreren Erzählsträngen stets genau abgewogen werden muss, welche Parts einer Geschichte besser BLOB-mäßig und welche besser data-based erzählt werden können. Globale und interne Differenzierung sind in jedem Fall unabdingbar!

Für Multimedia-Storytelling gilt ja Ähnliches. Auch in diesem Zusammenhang meinten vor längerem nicht wenige Medienexperten, dass Journalismus einmal zur Gänze multimedial werde. Auch das hat sich (bislang) als Irrtum herausgestellt, auch hier ist genaue Differenzierung und Erforschung der jeweiligen medialen Potenziale vonnöten. Fabian Mohr betonte ob des MM-Global-Hypes zurecht: "Ja, aber die New York Times? Die machen es doch genauso? Nein, nicht wirklich. Wenn man sich die besten multimedialen Projekte der New York Times ansieht, fallen zwei Aspekte auf: Konzentration und Erkenntnisgewinn. Konzentration bedeutet – es werden keine kompletten Themenpakete hinter ein Flash-Interface geworfen. Infografiker und Flash-Designer kümmern sich aber mit hohem Aufwand um spezielle Fragen, die visuell und interaktiv weit besser beantwortet werden können als mit Text. Erkenntnisgewinn meint – als Leser verlasse ich die Seite nicht mit dem Gefühl, überfressen zu sein, sondern zum ersten Mal etwas sehr Komplexes verstanden zu haben." (Quelle: Fabian Mohr, Multimedia Storytelling: Und nun?, ISO 800, http://bit.ly/aFvwQV)

Ich zitiere Mohr Anmerkung deshalb in voller Länge, weil ihr Prinzip auch in Hinblick auf Datenjournalismus gilt. Und da gab es ja vor ein paar Tagen etwas Interessantes zu beobachten. Zeit.de und Tagesspiegel.de haben gemeinsam ein (in vielen Blogs gelobtes) Special zum Thema "Todesopfer rechter Gewalt 1990 - 2010" produziert und dabei die Möglichkeiten von Datenjournalismus genutzt. (Darauf aufmerksam gemacht hat mich übrigens ein Tweet von Zeit-Online-Chef Wolfgang Blau.)

Natürlich habe ich mir die Arbeit sogleich angesehen: In eine toll gemachte Infografik verpackt, bekommt man zeitlich und räumlich einen übersichtlichen Überblick über die rechtsextremen Mord-Taten in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren. Bei jedem Punkt, der einen Fall anzeigt, werden per Maus Klick nähere Infos geliefert.

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(Screenshot: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/todesopfer-rechter-gewalt)

Je länger ich mir die vorliegende Arbeit angesehen habe, desto größer wurde mein Unbehagen. Ich fragte mich: Handelt es sich wirklich um eine ethisch angemessene Form, Einzelschicksale im Rahmen von Excel-Kategorien zu nivellieren. Ist jeder neu dazu kommende Fall nichts weiter als ein neuer Datensatz im Kontext einer kollektiven, mittlerwerile standardisierten Geschichte? Natürlich ist das mitnichten von den Machern intendiert, doch die datenbankmäßige Ent-Individualisierung der Einzelschicksale beraubt Opfer und Täter symbolisch ihrer individuellen Geschichte und v.a. bleibt auch der individuelle Schrecken der Tat selbst unberücksichtigt. Datensätze sind eben nicht Daten-SÄTZE, weil sie mir das Zustandekommen und Umstände des Falles nicht nur nicht erzählen, sondern - in Kategorien versteckt - verschweigen.

Mit dieser prima-vista-Skepsis habe habe ich mir das Werk bei Tagesspiegel.de noch einmal angesehen - und siehe da - hier fand ich sofort auch kurze Textdarstellungen zu jedem der Datensätze:

Tagesspiegel_Screenshot
(Screenshot: http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsextremismus/137-todesopfer-rechter-gewalt/1934424.html)

Erst im Zusammenspiel von Daten, Infografik und Texten wird der Zusatz-Nutzen des Datenjournalismus-Modells ersichtlich. In der Kombination funktioniert die kontextualisierende Einbettung der individuellen in die kollektive Geschichte plötzlich ganz wunderbar. Zu lernen ist aus diesem Beispiel, dass wie überall im digitalen Journalismus die Frage präzise zu stellen ist, wann wo was wie und wozu eingesetzt werden kann. Und genau diese Erkenntnis ist für mich ganz wesentlich, wenn ich auch heuer wieder zum scoopcamp fahre und dort wohl auch wieder Kommentare zu hören bekommen werden, dass etwa das iPad...

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Freitag, 24. September 2010

Hamburger Schule: Wie Kultur abgebaut wird und wie man sich dagegen wehrt

"Riding the Avalanche" - So lautete vor zweieinhalb Wochen das Motto der stARTconference, dem wichtigsten Kulturmanagement-Kongress im deutschen Sprachraum. Die Potenziale von Social Media im Zusammenhang mit Kulturinstitutionen erkennen und strategisch richtig zum Einsatz bringen - davon handelten viele der Vorträge. Die Einsatzmöglichkeiten sind in der Tat vielfältig und vielversprechend, wie gleich mehrere Projekte, die im Ruhrgebiet präsentiert wurden, zeigen. Mit Shelley Bernstein vom Brooklyn Museum in New York wurde auch noch eine Vorreiterin aus den USA eingeladen, die ihrerseits eindrucksvoll demonstrierte, wie Kultureinrichtungen in ihrem daily business vom Web 2.0 profitieren können. Nun gehören, könnte man fast schon zynisch anmerken, zum daily business auch Kulturetatkürzungen und im extremen Fall auch Schließungen von Einrichtungen. Wenn Kultur in die Defensive gerät, wird das Social Web v.a. als Vernetzungstool von Protestplattformen wichtig. Zu beobachten derzeit in Hambrug rund um die geplanten städtischen Subventionskürzungen für das Deutsche Schauspielhaus und die angedachte Schließung des Altonaer Museums. (Von MARKUS LEITER)

Im Folgenden eine Aussendung des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, das mittlerweile auch seine Facebook-Seite ganz in den Dienst der Protestvernetzung gestellt hat, sowie eine (natürlich auch via über das Social Web initiierte) Flashmob-Protestaktion von Studio Braun.

Hier die AUSSENDUNG:
Wir sind das Schauspielhaus. – Sie auch?

Am Mittwoch hat der Hamburger Senat verkündet, den Etat des Schauspielhauses um 1,2 Millionen Euro zu kürzen. Die anderen Staatstheater in Hamburg wurden von Kürzungen verschont. Im Schauspielhaus ist die Nachricht wie eine Bombe eingeschlagen. Das ist eine Kampfansage der Hamburger Kulturpolitik an unser Haus.
1,2 Millionen sind mehr als 50% des künstlerischen Etats. Damit sind wir wieder einen Schritt näher an der finsteren Vision von Jürgen Flimm, dass der Vorhang des Hauses hochgeht, die Maschinerie sich bewegt, aber kein Schauspieler mehr auf der Bühne steht.
Der Umfang der Kürzung ist so hoch, dass sie sich nur durch strukturelle Maßnahmen ausgleichen lässt. Das heißt für das Schauspielhaus das Ende aller kleineren Spielstätten und damit in letzter Konsequenz das Ende der Sparte Junges Schauspielhaus.
Alle Mitarbeiter und Kollegen aus anderen Theatern, aus anderen Institutionen, Kulturschaffende und -freunde sind fassungslos, entsetzt und traurig, dass so etwas in Hamburg möglich sein soll. Noch wissen wir nicht, was die Politik in Hamburg mit diesem Haus vorhat. Wir haben heute dem Kultursenator in einem ausführlichen Gespräch die gesamte Tragweite des Kürzungsbeschlusses von 1,2 Millionen Euro deutlich vor Augen geführt. Wir sind enttäuscht, dass diese Kürzung nach wie vor im Raum steht und nicht zurückgenommen worden ist.
Wir sind für die laufende Saison und die gesamte Spielzeit 2011/12 mit der Leitung des Deutschen Schauspielhauses beauftragt. Möglicherweise wird unser Auftrag auch noch darüber hinausgehen, da noch nicht klar ist, bis wann ein neuer Intendant gefunden werden kann.
Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass eines der profiliertesten, traditionsreichsten und größten deutschen Theater so massive Einschnitte durch eine kurzsichtige Sparpolitik erfährt und werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Kulturabbau in Hamburg vorgehen.
Wir danken allen Kulturschaffenden, die so schnell und deutlich ihre Solidarität und Unterstützung demonstriert haben, allen voran den Kolleginnen und Kollegen, die sie heute während unseres Gesprächs vor der Kulturbehörde einmal mehr unter Beweis gestellt haben. Sie haben damit gezeigt, dass die Sparbeschlüsse nicht nur als Bedrohung für die Leistungsfähigkeit und Existenz des Deutschen Schauspielhauses zu verstehen sind, sondern die gesamte Hamburger Kultur und damit das Ansehen der Stadt massiv gefährden. Wir alle werden weiter gegen die Kürzungen kämpfen. Kämpfen Sie mit! Nicht nur wir sind das Schauspielhaus – Sie auch!

Jack Kurfess, Florian Vogel, Klaus Schumacher, Michael Propfe, Frank Behnke"

Die FLASCHMOB-AKTION von "Studio Braun" (Heinz Strunk, Rocko Schamoni, Jacques Palminger):Proteste_Deutsches-Schauspielhaus Click on the image to get there...

Das leider nicht neue "Hamburg-Thema" (Stichwort: Gängeviertel-Kontroverse im vergangenen Jahr) wird in "Beyond Journalism" natürlich noch öfter und intensiver aufgegriffen werden. Am Montag fliege ich übrigens nach Hamburg, um dort am diesjährigen scoopcamp teilzunehmen. In der Woche meines Aufenthalts in der Hansestadt ist - seit längerem geplant und gebucht - ein Besuch der Weibsteufel-Produktion des Wiener Burgtheaters vorgesehen. Diese findet - nona - im Schauspielhaus statt und ist - eh klar - ausverkauft.

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