Samstag, 25. September 2010

Datensätze und Daten-SÄTZE: Das Zusammenspiel von Facts&Figures und BLOBS

Datenjournalismus - die neue Hype-Sau, die durchs digitale Mediendorf getrieben wird. Derzeit in aller Munde, ob sich dahinter ein bahnbrechendes Zukunftsmodell des Journalismus verbirgt, wird man sehen. Im vergangenen Jahr präsentierte Adrian Holovaty, der das hyperlokale US-Portal everyblock.com gegründet, aufgebaut und schließlich gewinnbringend veräußert hat, beim Hamburger scoopcamp Datenjournalismus als "long tail of news", der relevante Informationen auch in kleinere (Neighbourhood-)Zusammenhänge einspielen kann, die im klassischen (über)regionalen Textjournalismus (für Holovaty ein überholtes "BLOB"-Modell) sonst außen vor bleiben. Hypes haben es allerdings sich an sich, dass sie ubiquitär und undifferenziert wirken und darob so mancher Zurechtrückung bedürfen. (Von MARKUS LEITER)

Das merkte man auch an manchen (natürlich nicht allen) Kommentaren und Blogs im Anschluss an das letztjährige scoopcamp. Genau so wird die Zukunft sein, alles wird so werden, sodass man - überspitzt formuliert - bisweilen den Eindruck erhalten konnte, mit Datenjournalismus sei ein Erlösungsmodell für die Menschheit gefunden, und Excel werde überall das neue Redaktionssystem. So ist es natürlich nicht gekommen und auch die größten "Euphorianer" merken - gottlob - nach kurzer Zeit, dass doch nicht immer alles glänzt, auch wenn es Gold ist. Im konkreten Fall heißt: Was bei Holovatys hyperlokalem Modell wunderbar funktioniert, muss sich nicht zwangsläufig für jedes Thema und jeden Zusammenhang eignen. (Mit Daten und Statistiken lässt sich schließlich auch ganz leicht Missbrauch treiben, denken wir nur an Rechtspopulisten, die genau diese Schiene fahren.) Überdies ist zu berücksichtigen, dass inerhalb eines einzelnen Themas mit mehreren Erzählsträngen stets genau abgewogen werden muss, welche Parts einer Geschichte besser BLOB-mäßig und welche besser data-based erzählt werden können. Globale und interne Differenzierung sind in jedem Fall unabdingbar!

Für Multimedia-Storytelling gilt ja Ähnliches. Auch in diesem Zusammenhang meinten vor längerem nicht wenige Medienexperten, dass Journalismus einmal zur Gänze multimedial werde. Auch das hat sich (bislang) als Irrtum herausgestellt, auch hier ist genaue Differenzierung und Erforschung der jeweiligen medialen Potenziale vonnöten. Fabian Mohr betonte ob des MM-Global-Hypes zurecht: "Ja, aber die New York Times? Die machen es doch genauso? Nein, nicht wirklich. Wenn man sich die besten multimedialen Projekte der New York Times ansieht, fallen zwei Aspekte auf: Konzentration und Erkenntnisgewinn. Konzentration bedeutet – es werden keine kompletten Themenpakete hinter ein Flash-Interface geworfen. Infografiker und Flash-Designer kümmern sich aber mit hohem Aufwand um spezielle Fragen, die visuell und interaktiv weit besser beantwortet werden können als mit Text. Erkenntnisgewinn meint – als Leser verlasse ich die Seite nicht mit dem Gefühl, überfressen zu sein, sondern zum ersten Mal etwas sehr Komplexes verstanden zu haben." (Quelle: Fabian Mohr, Multimedia Storytelling: Und nun?, ISO 800, http://bit.ly/aFvwQV)

Ich zitiere Mohr Anmerkung deshalb in voller Länge, weil ihr Prinzip auch in Hinblick auf Datenjournalismus gilt. Und da gab es ja vor ein paar Tagen etwas Interessantes zu beobachten. Zeit.de und Tagesspiegel.de haben gemeinsam ein (in vielen Blogs gelobtes) Special zum Thema "Todesopfer rechter Gewalt 1990 - 2010" produziert und dabei die Möglichkeiten von Datenjournalismus genutzt. (Darauf aufmerksam gemacht hat mich übrigens ein Tweet von Zeit-Online-Chef Wolfgang Blau.)

Natürlich habe ich mir die Arbeit sogleich angesehen: In eine toll gemachte Infografik verpackt, bekommt man zeitlich und räumlich einen übersichtlichen Überblick über die rechtsextremen Mord-Taten in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren. Bei jedem Punkt, der einen Fall anzeigt, werden per Maus Klick nähere Infos geliefert.

BILDUebersicht
(Screenshot: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/todesopfer-rechter-gewalt)

Je länger ich mir die vorliegende Arbeit angesehen habe, desto größer wurde mein Unbehagen. Ich fragte mich: Handelt es sich wirklich um eine ethisch angemessene Form, Einzelschicksale im Rahmen von Excel-Kategorien zu nivellieren. Ist jeder neu dazu kommende Fall nichts weiter als ein neuer Datensatz im Kontext einer kollektiven, mittlerwerile standardisierten Geschichte? Natürlich ist das mitnichten von den Machern intendiert, doch die datenbankmäßige Ent-Individualisierung der Einzelschicksale beraubt Opfer und Täter symbolisch ihrer individuellen Geschichte und v.a. bleibt auch der individuelle Schrecken der Tat selbst unberücksichtigt. Datensätze sind eben nicht Daten-SÄTZE, weil sie mir das Zustandekommen und Umstände des Falles nicht nur nicht erzählen, sondern - in Kategorien versteckt - verschweigen.

Mit dieser prima-vista-Skepsis habe habe ich mir das Werk bei Tagesspiegel.de noch einmal angesehen - und siehe da - hier fand ich sofort auch kurze Textdarstellungen zu jedem der Datensätze:

Tagesspiegel_Screenshot
(Screenshot: http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsextremismus/137-todesopfer-rechter-gewalt/1934424.html)

Erst im Zusammenspiel von Daten, Infografik und Texten wird der Zusatz-Nutzen des Datenjournalismus-Modells ersichtlich. In der Kombination funktioniert die kontextualisierende Einbettung der individuellen in die kollektive Geschichte plötzlich ganz wunderbar. Zu lernen ist aus diesem Beispiel, dass wie überall im digitalen Journalismus die Frage präzise zu stellen ist, wann wo was wie und wozu eingesetzt werden kann. Und genau diese Erkenntnis ist für mich ganz wesentlich, wenn ich auch heuer wieder zum scoopcamp fahre und dort wohl auch wieder Kommentare zu hören bekommen werden, dass etwa das iPad...

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