Wie Loddar Maddäus die BILD-Zeitung hinters Licht führte. Eine Boulevard-Posse mit mehreren Beteiligten
Freitag Abend nach dem Abendessen: Das Telefon läutet. Die größte Sportzeitung Argentiniens Olé, für die ich immer wieder mal kleinere Arbeiten mache, ist dran und will von mir Informationen zu Lothar Matthäus und meine Meinung zu dem Herrn. Wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass Loddar neuer Racing-Trainer werden soll. Ich hatte die Nachricht untertags zwar gelesen, aber für so absurd gehalten, dass ich mich nicht weiter mit ihr beschäftigt habe. Nein, nein, tönt es vom anderen Ende der Leitung, da sei wirklich was dran, die Verhandlungen weit fortgeschritten, Olé stehe in Kontakt mit Vereinsverantwortlichen, wird mir außerdem versichert. Ich stelle ein paar Infos zusammen und tue meine (wenig begeisterten) Ansichten zu Herrn Matthäus kund. Tatsächlich werde ich dann tags darauf (zu 80 % sogar korrekt) und mit vollem Namen im Blatt zitiert. (Von MARKUS LEITER)
Samstag Abend wird das Thema dann endgültig heiß. Racing-Präsident Rodolfo Molina gibt bei einer Pressekonferenz bekannt, mit Matthäus handelseins geworden zu sein. Bald darauf überfluten die Agenturmeldungen die Online-Portale der Zeitungen, wo die Matthäus-zu-Racing-Geschichte seit dem Vortag schon Topthema ist. Mit einer Ausnahme: Bild.de. Ein Beweis für eine eben ausgebrochene Zurückhaltung im Axel Springer Verlag? Wohl kaum. Dass Bild das Thema nicht aufgegriffen hat, muss also andere Gründe haben, denn das Blatt hat zu Matthäus einen absolut privilegierten Zugang. (Umgekehrt gilt dasselbe.) Es ist kein Zufall, dass Matthäus die medialen Highlights seines Lebens stets zuerst der BILD-Zeitung vermachte. BILD & Loddar ist im kollektiven Gedächtnis wie Asterix & Obelix, Dick & Doof verankert, beinahe wäre man geneigt, von einem Bund fürs Leben zu sprechen. Dass beide davon profitieren, versteht sich von selbst: Insider-Details vs. gute Publicity lautet der Deal, der im Powerplay-Modus läuft, so sehr, dass Matthäus für viele schon zur medial inszenierten Lachnummer geworden ist. Ein Beispiel: “Nur als SPD-Vorsitzender war Lothar Matthäus bei "Bild" noch nicht im Gespräch“, wird etwa bei Twitter geätzt.
BILD bringt LM (häufig im Verbund mit Franz Beckenbauer) bei so ziemlich jedem Verein in Deutschland, wo gerade ein Trainer gefeuert wurde, medial in Stellung. Kritiker gehen sogar soweit, von einer wahren Matthäus-Obsession zu sprechen. Freilich ist die für den Spieler Matthäus ideale Verbindung mit dem mächtigen Medium für den Trainer Matthäus allmählich zu einem zweischneidigen Schwert geworden. Dem Dauerkolumnisten Loddar, der schon zu Spielerzeiten immer wieder Kabinen-Interna an BILD (v.a. an seinen Freund Wolfgang Ruiner) durchsickern hat lassen, trauen deutsche Funktionäre nämlich nicht so recht über den Weg. Manche fürchten, bei LM würden Fußball und Boulevard permanent Doppelpass spielen, und Intrigen und Indiskretionen wären die (logische?) Folge. Auch Fangruppen (z.B. bei Fortuna Düsseldorf) steigen häufig auf die Barrikaden, sobald gerüchtweise der Name Matthäus fällt. (Ehemalige) Freunde wie Uli Hoeness oder Karl-Heinz Rummenigge raten ihm seit Jahren, dem (Dirty) Boulevard abzuschwören und sich mit Pressearbeit im herkömmlichen Sinn zu begnügen. Dann, so meinen sie, werde es auch endlich mit einem Trainer-Engagement in der Bundesliga klappen. Der Angesprochene selbst will das (wie ein trotziges Kind) aber nicht wahrhaben und ergeht sich lieber in Selbstmitleid, so geschehen heuer im Juni, als viele Trainerposten in Deutschlands höchster Spielklasse frei wurden, und er zum x-ten Mal durch die Finger schaute. Wo er sich ausweinte, kann man sich denken. So bleibt Matthäus seit 2001 also nur der Weg ins (fußballerisch zweit- und drittklassige) Ausland: nach Österreich, Israel, Ungarn, Serbien führte ihn der Weg. (Ach ja, ein paar Wochen gabs Matthäus auch mal in Brasilien zu erleben.) Die Engagegements haben aus verschiedenen (auch persönlichkeitsbedingten) Gründen meist nicht länger als ein Jahr gedauert (Ausnahme die Teamtrainer-Position in Ungarn), der Erfolg war häufig durchwachsen, aber es ist nicht so, dass mangelnde Qualifikation hier den Ausschlag geben würde.
Zurück zur wochenendlichen Medienposse: Dass BILD das Thema Matthäus – boulevardtechnisch ist der Erlanger ein Kategorie 1A-Promi - nicht aufgegriffen hat, muss einen versierten Journalisten stutzig machen, gerade dann wenn die Verpflichtung des Deutschen in einer Pressekonferenz offiziell verkündet wird. Welches (Massen)Medium verzichtet schon gerne auf eine Schlagzeile? Bis zu diesem Wochenende erschien es geradezu unvorstellbar, dass eine Änderung in Loddars Leben anders als durch einen BILD-scoop das Licht der Öffentlichkeit erblicken könnte. Es musste also etwas im Busch sein. So war es dann auch: Um 00.08 Uhr (MEZ) in der Nacht von Samstag auf Sonntag – also fast zeitgleich mit der Molina-Pressekonferenz in Argentinien – stellte BILD.de einen Artikel online, in dem der beim alpinen Skiweltcup in Sölden weilende Matthäus alles dementierte: "Ich weiß nicht, wo solche Meldungen herkommen“, verneinte er jeden Kontakt. "Es ist völlig aus der Luft gegriffen. Ich werde weder Montag noch in den nächsten Wochen nach Südamerika reisen. Ich habe derzeit Angebote aus dem Ausland, aber nicht aus Argentinien und nicht aus der Bundesliga."
Und wieder rief ich bei meinen Freunden von Olé an und übersetzte die Aussagen von Matthäus. Die Verwirrung war nun perfekt. Die Journalisten in Buenos Aires kontaktierten den Racing-Präsidenten Molina, der wiederum schloss sich mit dem in die Verhandlungen eingeschalteten internationalen Agenten kurz und bestätigte die Ankündigung, dass Matthäus neuer Trainer des Vereins werde. Dies verringerte meine Skepsis nicht, im Gegenteil. Mehrere Gedanken schossen mir durch den Kopf: Gibt es keine direkte Kommunikation zwischen Verein und dem neuen Trainer? Ist am Ende alles ein abgekartetes Spiel, ein betrügerischer Hoax, wo ein Spielervermittler ein Engagement raffiniert inszeniert, um am Ende abzucashen? Gibt es gar so etwas wie ein Lothar-gate? Wie konnte die Racing-Presse-Info überhaupt stimmen? Es erschien mir schlicht unvorstellbar, dass “ein Lothar Matthäus“ der BILD, seiner Lebenspartnerin BILD nach Jahren der Nibelungentreue die Unwahrheit sagen würde. (Das kann letztere viel besser, unken böse Zungen...) So glaubte ich zu diesem Zeitpunkt (Sonntag morgen), dass, so sehr BILD als Quelle mit Vorsicht zu genießen ist, man sich in Sachen Lothar Matthäus doch getrost auf sie verlassen kann. Für Matthäus steht gerade bei BILD zuviel auf dem Spiel, als dass hier eine Dreistigkeit seinerseits überhaupt denkbar wäre, dachte ich mir.
Jedenfalls war eine Situation eingetreten, wo eine verbindliche Aussage gegen eine andere verbindliche Aussage stand. Somit war klar, dass irgendwer zurückrudern musste - entweder Racing oder BILD. Als dritte Option bliebe nur das Undenkbare, dass nämlich Matthäus selbst als Mediengambler geoutet werden müsste. Irgendwer würde sein Gesicht auf alle Fälle verlieren, was mir einen recht spannenden Sonntag bescherte. Zwischenzeitlich wurde das Matthäus-Dementi in BILD auch von anderen deutschen Medien verbreitet, sodass auch hier allmählich die Verwirrung stark anschwoll. BILD trat nun erneut auf den Plan, und fragte Matthäus noch einmal. Nun war plötzlich alles anders. Matthäus bestätigte so halb die Aussagen des Vereinspräsidenten. Um 13.00 Uhr waren auf dem Portal der Zeitung folgende Aussagen des 48-Jährigen zu lesen: „Es ist eine reizvolle Aufgabe. Ich bin aber nicht euphorisch, weil ich nach dem Schnellschuss Brasilien (Matthäus trainierte 2006 für knapp einen Monat den Klub Paranaense/ d. Red.) weiß, dass ein Job mit dieser weiten Distanz nicht einfach ist.“ Und: „Die Flugtickets liegen bereit. Ich werde jetzt die Koffer packen und wahrscheinlich am Mittwoch ankommen.“
BILD war entsprechend sauer, sah sich doch von dem von ihr jahrzehntelang verhätschelten Loddar dreist hinters Licht geführt. Nicht nur war ihr ein scoop verhagelt worden und eine Schlagzeile genommen, die alle anderen Zeitungen hatten, er hatte auch noch die Unwahrheit gesagt. So etwas konnte nicht ungestraft bleiben. Die Zeitung agierte in der Folge einem betrogenen Liebhaber nicht unähnlich. Der BILD-Artikel war dann so aufgezogen, dass zuerst die alten Aussagen erneut wiedergegeben wurden, und dann erst die neuen. Der Text endete wunderschön süffisant: „Am Mittwoch soll Matthäus vorgestellt werden. Wenn er es nicht doch noch mal anders überlegt...“ Am deutlichsten wird der Ärger im Titel bekundet: “Matthäus fällt um! Jetzt will er plötzlich doch Trainer in Argentinien werden“ Auch nachher wird von Matthäus noch einmal als einem “Umfaller“ gesprochen. Selbstsam mutet die Wortwahl allemal an, nicht nur weil sie stark nach Beleidigtheit und gekränkter Ehre riecht, was im medialen Jargon eher unüblich ist. Sie wäre noch einigermaßen nachvollziehbar, wenn sie auf den Trainerposten bei Racing bezogen wäre. Nach dem Motto: Da hat jemand der Mut verlassen, jetzt er fällt um. So aber bezieht sich der Umfaller auf ein tags zuvor gegebenes Interview, das im Rahmen einer Jahrzehnte langen Medienliaison geführt wurde, also im boulevardesken Ehebett. Hier soll nun ganz offenkundig jemand vorgeführt werden, der die Spielregeln verletzt hat.
Um die Konfusion noch weiter anschwellen zu lassen, gab Matthäus heute Nachmittag ein weiteres Interview, und zwar Bunte.de, also wieder dem Hardcore-Boulevard. Seine Aussagen hier brüskieren nun sowohl BILD wie auch seinen (vermeintlichen) zukünftigen Arbeitgeber: "Ich stehe seit zehn Tagen mit Racing in Vertragsverhandlungen, die schon sehr weit fortgeschritten sind. Ich werde diese Woche mit Liliana [seine junge Frau; Anm.] hinfliegen, und wir werden die Stadt erkunden". Und: "Wir fliegen nicht nach Argentinien, um gleich zu unterschreiben. Wir gehen das sehr vorsichtig an. Wir wollen das auch von den Rahmenbedingungen für sie abhängig machen. Es kommt auf Liliana an. Ich will, dass sie glücklich ist", gab sich Matthäus als fürsorglicher Ehemann. Hat der Racing-Chef da etwas nicht begriffen und sich zu früh gefreut. Am Abend bekam ich dann elektronische Post von Olé, in welcher mir mitgeteilt wurde, dass soeben Rodolfo Molina in einem argentinischen Radio bekannt gegeben habe, dass man mit Matthäus übereingekommen sei, die gesamte Verhandlung zu leugnen, um sie nicht zu gefährden. “Deshalb hat er gelogen“, resümmiert mein Sportjournalistenfreund. Dass er dieses Spielchen dann just mit der BILD und so ausgebufft und dreist trieb, nachdem Racing offiziell und auch auf der Klubwebsite bestätigt hatte, verblüfft dann doch.
Noch spannender als die Frage, ob LM tatsächlich bald das Zepter im Estadio Juan Domingo Perón von Avellaneda schwingt, ist die Frage, wie sich zukünftig die Geschichte auf das Verhältnis zur BILD-Zeitung auswirkt und wie lange der Groll des Massenmediums gegen den 150-fachen-DFB-Teamspieler anhält und mit welchen Folgeerscheinungen. Ob ein (temporärer) Liebesentzug mehr Fluch oder Segen für den Weltenbummler in Sachen Fußball ist, wird sich erweisen. Weniger Boulevardpräsenz könnte – im Sinne Rummenigges und Hoeness'- ja auch als Chance gesehen werden, auch in Deutschland mehr an seriösem Profil zu gewinnen. (Was umgekehrt, eine negative Kampagne der BILD anzurichten imstande ist, muss nicht näher erläutert werden.) Jedenfalls wäre Matthäus gut beraten, auf dem grünen Rasen weniger auszurutschen als auf dem Medienparkett, denn sonst findet sich Racing bald in der zweiten argentinischen Liga wieder. Da würden Loddar dann keine wie immer gearteten Dementis mehr nützen, nicht in der BILD-Zeitung und nicht in Olé oder sonstwo. Auf derartig bescheuerte wie dilettantische Alles-abstreiten!-Vereinbarungen sollte er in Zukunft lieber gänzlich verzichten.
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Samstag Abend wird das Thema dann endgültig heiß. Racing-Präsident Rodolfo Molina gibt bei einer Pressekonferenz bekannt, mit Matthäus handelseins geworden zu sein. Bald darauf überfluten die Agenturmeldungen die Online-Portale der Zeitungen, wo die Matthäus-zu-Racing-Geschichte seit dem Vortag schon Topthema ist. Mit einer Ausnahme: Bild.de. Ein Beweis für eine eben ausgebrochene Zurückhaltung im Axel Springer Verlag? Wohl kaum. Dass Bild das Thema nicht aufgegriffen hat, muss also andere Gründe haben, denn das Blatt hat zu Matthäus einen absolut privilegierten Zugang. (Umgekehrt gilt dasselbe.) Es ist kein Zufall, dass Matthäus die medialen Highlights seines Lebens stets zuerst der BILD-Zeitung vermachte. BILD & Loddar ist im kollektiven Gedächtnis wie Asterix & Obelix, Dick & Doof verankert, beinahe wäre man geneigt, von einem Bund fürs Leben zu sprechen. Dass beide davon profitieren, versteht sich von selbst: Insider-Details vs. gute Publicity lautet der Deal, der im Powerplay-Modus läuft, so sehr, dass Matthäus für viele schon zur medial inszenierten Lachnummer geworden ist. Ein Beispiel: “Nur als SPD-Vorsitzender war Lothar Matthäus bei "Bild" noch nicht im Gespräch“, wird etwa bei Twitter geätzt.
BILD bringt LM (häufig im Verbund mit Franz Beckenbauer) bei so ziemlich jedem Verein in Deutschland, wo gerade ein Trainer gefeuert wurde, medial in Stellung. Kritiker gehen sogar soweit, von einer wahren Matthäus-Obsession zu sprechen. Freilich ist die für den Spieler Matthäus ideale Verbindung mit dem mächtigen Medium für den Trainer Matthäus allmählich zu einem zweischneidigen Schwert geworden. Dem Dauerkolumnisten Loddar, der schon zu Spielerzeiten immer wieder Kabinen-Interna an BILD (v.a. an seinen Freund Wolfgang Ruiner) durchsickern hat lassen, trauen deutsche Funktionäre nämlich nicht so recht über den Weg. Manche fürchten, bei LM würden Fußball und Boulevard permanent Doppelpass spielen, und Intrigen und Indiskretionen wären die (logische?) Folge. Auch Fangruppen (z.B. bei Fortuna Düsseldorf) steigen häufig auf die Barrikaden, sobald gerüchtweise der Name Matthäus fällt. (Ehemalige) Freunde wie Uli Hoeness oder Karl-Heinz Rummenigge raten ihm seit Jahren, dem (Dirty) Boulevard abzuschwören und sich mit Pressearbeit im herkömmlichen Sinn zu begnügen. Dann, so meinen sie, werde es auch endlich mit einem Trainer-Engagement in der Bundesliga klappen. Der Angesprochene selbst will das (wie ein trotziges Kind) aber nicht wahrhaben und ergeht sich lieber in Selbstmitleid, so geschehen heuer im Juni, als viele Trainerposten in Deutschlands höchster Spielklasse frei wurden, und er zum x-ten Mal durch die Finger schaute. Wo er sich ausweinte, kann man sich denken. So bleibt Matthäus seit 2001 also nur der Weg ins (fußballerisch zweit- und drittklassige) Ausland: nach Österreich, Israel, Ungarn, Serbien führte ihn der Weg. (Ach ja, ein paar Wochen gabs Matthäus auch mal in Brasilien zu erleben.) Die Engagegements haben aus verschiedenen (auch persönlichkeitsbedingten) Gründen meist nicht länger als ein Jahr gedauert (Ausnahme die Teamtrainer-Position in Ungarn), der Erfolg war häufig durchwachsen, aber es ist nicht so, dass mangelnde Qualifikation hier den Ausschlag geben würde.
Zurück zur wochenendlichen Medienposse: Dass BILD das Thema Matthäus – boulevardtechnisch ist der Erlanger ein Kategorie 1A-Promi - nicht aufgegriffen hat, muss einen versierten Journalisten stutzig machen, gerade dann wenn die Verpflichtung des Deutschen in einer Pressekonferenz offiziell verkündet wird. Welches (Massen)Medium verzichtet schon gerne auf eine Schlagzeile? Bis zu diesem Wochenende erschien es geradezu unvorstellbar, dass eine Änderung in Loddars Leben anders als durch einen BILD-scoop das Licht der Öffentlichkeit erblicken könnte. Es musste also etwas im Busch sein. So war es dann auch: Um 00.08 Uhr (MEZ) in der Nacht von Samstag auf Sonntag – also fast zeitgleich mit der Molina-Pressekonferenz in Argentinien – stellte BILD.de einen Artikel online, in dem der beim alpinen Skiweltcup in Sölden weilende Matthäus alles dementierte: "Ich weiß nicht, wo solche Meldungen herkommen“, verneinte er jeden Kontakt. "Es ist völlig aus der Luft gegriffen. Ich werde weder Montag noch in den nächsten Wochen nach Südamerika reisen. Ich habe derzeit Angebote aus dem Ausland, aber nicht aus Argentinien und nicht aus der Bundesliga."
Und wieder rief ich bei meinen Freunden von Olé an und übersetzte die Aussagen von Matthäus. Die Verwirrung war nun perfekt. Die Journalisten in Buenos Aires kontaktierten den Racing-Präsidenten Molina, der wiederum schloss sich mit dem in die Verhandlungen eingeschalteten internationalen Agenten kurz und bestätigte die Ankündigung, dass Matthäus neuer Trainer des Vereins werde. Dies verringerte meine Skepsis nicht, im Gegenteil. Mehrere Gedanken schossen mir durch den Kopf: Gibt es keine direkte Kommunikation zwischen Verein und dem neuen Trainer? Ist am Ende alles ein abgekartetes Spiel, ein betrügerischer Hoax, wo ein Spielervermittler ein Engagement raffiniert inszeniert, um am Ende abzucashen? Gibt es gar so etwas wie ein Lothar-gate? Wie konnte die Racing-Presse-Info überhaupt stimmen? Es erschien mir schlicht unvorstellbar, dass “ein Lothar Matthäus“ der BILD, seiner Lebenspartnerin BILD nach Jahren der Nibelungentreue die Unwahrheit sagen würde. (Das kann letztere viel besser, unken böse Zungen...) So glaubte ich zu diesem Zeitpunkt (Sonntag morgen), dass, so sehr BILD als Quelle mit Vorsicht zu genießen ist, man sich in Sachen Lothar Matthäus doch getrost auf sie verlassen kann. Für Matthäus steht gerade bei BILD zuviel auf dem Spiel, als dass hier eine Dreistigkeit seinerseits überhaupt denkbar wäre, dachte ich mir.
Jedenfalls war eine Situation eingetreten, wo eine verbindliche Aussage gegen eine andere verbindliche Aussage stand. Somit war klar, dass irgendwer zurückrudern musste - entweder Racing oder BILD. Als dritte Option bliebe nur das Undenkbare, dass nämlich Matthäus selbst als Mediengambler geoutet werden müsste. Irgendwer würde sein Gesicht auf alle Fälle verlieren, was mir einen recht spannenden Sonntag bescherte. Zwischenzeitlich wurde das Matthäus-Dementi in BILD auch von anderen deutschen Medien verbreitet, sodass auch hier allmählich die Verwirrung stark anschwoll. BILD trat nun erneut auf den Plan, und fragte Matthäus noch einmal. Nun war plötzlich alles anders. Matthäus bestätigte so halb die Aussagen des Vereinspräsidenten. Um 13.00 Uhr waren auf dem Portal der Zeitung folgende Aussagen des 48-Jährigen zu lesen: „Es ist eine reizvolle Aufgabe. Ich bin aber nicht euphorisch, weil ich nach dem Schnellschuss Brasilien (Matthäus trainierte 2006 für knapp einen Monat den Klub Paranaense/ d. Red.) weiß, dass ein Job mit dieser weiten Distanz nicht einfach ist.“ Und: „Die Flugtickets liegen bereit. Ich werde jetzt die Koffer packen und wahrscheinlich am Mittwoch ankommen.“
BILD war entsprechend sauer, sah sich doch von dem von ihr jahrzehntelang verhätschelten Loddar dreist hinters Licht geführt. Nicht nur war ihr ein scoop verhagelt worden und eine Schlagzeile genommen, die alle anderen Zeitungen hatten, er hatte auch noch die Unwahrheit gesagt. So etwas konnte nicht ungestraft bleiben. Die Zeitung agierte in der Folge einem betrogenen Liebhaber nicht unähnlich. Der BILD-Artikel war dann so aufgezogen, dass zuerst die alten Aussagen erneut wiedergegeben wurden, und dann erst die neuen. Der Text endete wunderschön süffisant: „Am Mittwoch soll Matthäus vorgestellt werden. Wenn er es nicht doch noch mal anders überlegt...“ Am deutlichsten wird der Ärger im Titel bekundet: “Matthäus fällt um! Jetzt will er plötzlich doch Trainer in Argentinien werden“ Auch nachher wird von Matthäus noch einmal als einem “Umfaller“ gesprochen. Selbstsam mutet die Wortwahl allemal an, nicht nur weil sie stark nach Beleidigtheit und gekränkter Ehre riecht, was im medialen Jargon eher unüblich ist. Sie wäre noch einigermaßen nachvollziehbar, wenn sie auf den Trainerposten bei Racing bezogen wäre. Nach dem Motto: Da hat jemand der Mut verlassen, jetzt er fällt um. So aber bezieht sich der Umfaller auf ein tags zuvor gegebenes Interview, das im Rahmen einer Jahrzehnte langen Medienliaison geführt wurde, also im boulevardesken Ehebett. Hier soll nun ganz offenkundig jemand vorgeführt werden, der die Spielregeln verletzt hat.
Um die Konfusion noch weiter anschwellen zu lassen, gab Matthäus heute Nachmittag ein weiteres Interview, und zwar Bunte.de, also wieder dem Hardcore-Boulevard. Seine Aussagen hier brüskieren nun sowohl BILD wie auch seinen (vermeintlichen) zukünftigen Arbeitgeber: "Ich stehe seit zehn Tagen mit Racing in Vertragsverhandlungen, die schon sehr weit fortgeschritten sind. Ich werde diese Woche mit Liliana [seine junge Frau; Anm.] hinfliegen, und wir werden die Stadt erkunden". Und: "Wir fliegen nicht nach Argentinien, um gleich zu unterschreiben. Wir gehen das sehr vorsichtig an. Wir wollen das auch von den Rahmenbedingungen für sie abhängig machen. Es kommt auf Liliana an. Ich will, dass sie glücklich ist", gab sich Matthäus als fürsorglicher Ehemann. Hat der Racing-Chef da etwas nicht begriffen und sich zu früh gefreut. Am Abend bekam ich dann elektronische Post von Olé, in welcher mir mitgeteilt wurde, dass soeben Rodolfo Molina in einem argentinischen Radio bekannt gegeben habe, dass man mit Matthäus übereingekommen sei, die gesamte Verhandlung zu leugnen, um sie nicht zu gefährden. “Deshalb hat er gelogen“, resümmiert mein Sportjournalistenfreund. Dass er dieses Spielchen dann just mit der BILD und so ausgebufft und dreist trieb, nachdem Racing offiziell und auch auf der Klubwebsite bestätigt hatte, verblüfft dann doch.
Noch spannender als die Frage, ob LM tatsächlich bald das Zepter im Estadio Juan Domingo Perón von Avellaneda schwingt, ist die Frage, wie sich zukünftig die Geschichte auf das Verhältnis zur BILD-Zeitung auswirkt und wie lange der Groll des Massenmediums gegen den 150-fachen-DFB-Teamspieler anhält und mit welchen Folgeerscheinungen. Ob ein (temporärer) Liebesentzug mehr Fluch oder Segen für den Weltenbummler in Sachen Fußball ist, wird sich erweisen. Weniger Boulevardpräsenz könnte – im Sinne Rummenigges und Hoeness'- ja auch als Chance gesehen werden, auch in Deutschland mehr an seriösem Profil zu gewinnen. (Was umgekehrt, eine negative Kampagne der BILD anzurichten imstande ist, muss nicht näher erläutert werden.) Jedenfalls wäre Matthäus gut beraten, auf dem grünen Rasen weniger auszurutschen als auf dem Medienparkett, denn sonst findet sich Racing bald in der zweiten argentinischen Liga wieder. Da würden Loddar dann keine wie immer gearteten Dementis mehr nützen, nicht in der BILD-Zeitung und nicht in Olé oder sonstwo. Auf derartig bescheuerte wie dilettantische Alles-abstreiten!-Vereinbarungen sollte er in Zukunft lieber gänzlich verzichten.
[HAFTUNGSAUSSCHLUSS: Die in diesem Blog enthaltenen Links auf fremde Websites wurden nach bestem rechtlichen Wissen und Gewissen gesetzt. Auf die (insbesondere nach Verlinkung erfolgte) Gestaltung der verlinkten Seiten und deren Inhalte habe ich jedoch keinerlei Einfluss. Ich distanziere mich daher ausdrücklich von sämtlichen Inhalten der verlinkten Seiten.]
mleiter - 25. Okt, 21:05

erledigt
Aber ehrlich, wie bescheuert muß man eigentlich sein in einem Trainervertrag, einen Modelvertrag für seine derzeitige Bettpartnerin mit reinnehmen zu wollen. Ich denke Racing profitiert nur von dieser Absage.